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Der Lümmel


Jetzt geht’s um die Wurst


»I see a red door, and I want it painted black, no colours anymore, I want them to turn black« klingt es aus dem Radio, während ich über den Ring 3 gleite, der Transitstrecke für Läufer, die wie ich tief im Westen wohnen und an den größtenteils im Osten Hamburgs stattfindenden Läufen teilnehmen möchten. Erst vor ein paar Tagen, bin ich exakt den selben Weg gefahren, seinerzeit im Piratenkostüm, mit dem Spielzeugsäbel meines Sohnes auf dem Beifahrersitz und einem unguten Gefühl im Hinterkopf »Mist, Startgeld vergessen!« Zum Glück trifft man aber immer und überall bekannte Gesichter und so waren die fünf Euro für den Silvesterlauf in Volksdorf schnell geliehen (Vielen Dank sieläuft). Für mich bedeutet das aber »heute ist Zahltag!« und es zeigt sich eine weitere schöne Begleiterscheinung des sehr überschaubaren Kerns der Volkslauf-Szene, wenn man zum Abschied sagt »man sieht sich«, dann ist das nicht Floskel sondern Fakt!

»I see a line of cars, and they are painted black, …« rumpelt der Stones-Song weiter und irgendwie passt er heute grandios zur Fahrt, denn auch ich würde gerne Einiges am Straßenrand schwarz pinseln. Es ist Wahlsaison in Hamburg und ausgerechnet die dümmsten populistischen Parolen von rechts außen, sind am häufigsten an unschuldige Bäume gefesselt. Bäh! Auch eine andere Splitterpartei hat sich keinen wirklichen Gefallen mit ihrer neuen Farbgebung getan. Sie lässt eine bisher geschätzte Agentur in meinem Ansehen deutlich sinken und beleidigt meine Augen aufs Schlimmste. »Zum Glück wohnst du 500 Meter hinter der Stadtgrenze und musst nicht aus diesen Optionen wählen« denke ich, während ich weiter gen Osten strebe. »I wanna see the sun blotted from the sky, I wanna see you paint it, paint it, paint it black, yeah« Ahrensburg, da bin ich. Und der Ohrwurm für die nächsten zwei Stunden ist gesetzt. Danke Keith, danke Mick!


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Dass ich heute zum ersten Mal im Hagener Forst an den Start gehe, obwohl ich schon seit drei Jahren wieder in und um Hamburg laufe, liegt an der großen Beliebtheit des Laufes zum Lümmel. Meist schon vor Weihnachten ist das streng limitierte Teilnehmerfeld komplett ausgebucht und so habe ich mich als einer der Ersten in die Starterliste eingereiht, um das Spektakel in diesem Jahr nicht zu verpassen. Warum der Lauf so beliebt ist, merkt man sofort, wenn man auf das Gelände der Grundschule am Hagen schreitet. Es duftet nach Kuchen und heißem Tee, die Kids sind von ihren Läufen scheinbar noch nicht genügend ausgepowert und toben zufrieden über den Schulhof, die bunte Schaar der Läufer pendelt zwischen der Startnummernausgabe in den Klassenzimmern und der Turnhalle mit den Umkleiden hin und her oder hockt auf den viel zu kleinen Stühlen zwischen Grundschulkunstwerken und Tierpräparaten, um noch schnell eine Stärkung vom mehr als üppigen Kuchenbuffet zu schlemmen. Das ergibt als Ganzes ein durchaus skurriles Bild, ist aber bestens organisiert, freundlich und professionell. Man merkt, das Ganze machen die nicht zum ersten Mal.


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Genau genommen machen sie das sogar schon zum 37. Mal und so kann man den Lümmellauf wohl getrost als Traditionslauf bezeichnen und als Pflichttermin im Hamburger Laufkalender. Ein Plausch hier, ein Foto da und schon ist es 10:40 Uhr. Nachdem die Fünfer (5,3km) und Zehner (9,7km) bereits auf der Strecke sind, sind jetzt wir, die Langstreckler, dran. Gemeldet habe ich für 20km, das Schild auf der Strecke sagt 19,3km und auf der Urkunde wird später 19km stehen. Aber die Distanz ist mir heute genauso wumpe, wie mein persönliches Ergebnis. Denn meine Ziele für heute lauten, verletzungsfrei Ankommen, den Lauf durch Wald, Sumpf & Moor genießen und eventuell ein paar Fotos schießen. Schließlich bin ich ja Neublogger und die geneigten Leser schauen sich sicherlich gerne ein paar Bilder an. Zudem ist schon im Vorfeld klar, dass man zwei mal abrupt auf der Strecke wird bremsen müssen. Mehrfach werden wir vor dem Start ermahnt, dass der circa 300 Meter lange Holzsteg durch den Sumpf in Richtung der ehemaligen Burg Arnesvelde doch bitte im Schritttempo zu passieren sei und dort ein absolutes Überholverbot gilt. Zumindest für mein direktes Umfeld kann ich bestätigen, dass sich daran gehalten wurde und so habe ich die Chance ein paar Fotos der verwunschenen Sumpflandschaft zu knipsen.


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Apropos Landschaft. Die Strecke ist ausgesprochen abwechslungsreich und bietet Passagen durch den Hagener Forst im Wechsel mit typischen Vorortstraßen voller Einfamilienhäuser, führt dann unter teils crossähnlichen Bedingungen durch die unter Naturschutz stehende Endmoränenlandschaft, über den bereits erwähnten Steg, um dann kurz vor Schluss noch mit einen kräftigen Anstieg aufzuwarten, den ich dank des letzten Sonntagslaufes im Bergedorfer Gehölz geradezu hochfliege. Und weil das Ganze so schön war, geht es gleich nochmal auf die selbe Runde, aber erst nachdem ich mich kurz mit einem heißen Tee am Verpflegungspunkt gestärkt habe. Auf Runde Eins waren alle Fotos im Kasten und somit kann ich nun einfach »laufen« lassen und sogar noch ein paar Mitstreiter einsammeln und das bei einem Genusslauf im absoluten Wohlfühltempo. Nicht eine Sekunde sehne ich das Ziel herbei und bin fast schon enttäuscht, als ich die Sprecherin im Zielbereich höre. Andererseits wartet dort der Namensgeber dieses Laufes – Der Lümmel! Es geht hier um die Wurst und da sollte man gut abschneiden! Also ziehe ich auf dem letzten Kilometer doch noch etwas das Tempo an und kann abermals zwei Plätze gutmachen, bevor der Barcode auf meiner Startnummer professionell per Kassenscanner erfasst und in eine Zielzeit von 1:44:43 umgewandelt wird.


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Ob der Lümmel, eine Art Bockwurst, wirklich eigens und exklusiv für den Lauf hergestellt wird, wie auf der Seite des Veranstalters verkündet, vermag ich nicht zu sagen, aber geschmeckt hat er als Stärkung nach dem 19km-Lauf an diesem kühlen Januarsonntag einfach großartig! Da sich nicht jeder Läufer karnivor ernährt, gab es als Alternative für alle Vegetarier, Veganer, Frutarier oder Allergiker den gelben Lümmel – eine Banane. Tolle Sache! Während ich noch wurstkauend und teetrinkend auf dem Pausenhof stehe, werden schon die Urkunden sortiert nach Zielzeiten ausgerufen. Los geht es mit einem Namen, der einem zwischen Lübeck und Hamburg des öfteren begegnet und auch hier in Ahrensburg schon gesetzt ist: Dennis Mehlfeld, seit 2007 ungeschlagener Lümmelsieger und auch sonst immer gerne ganz vorne mit dabei. Bis mein Name dann endlich ausgerufen wird, bleibt abermals etwas Zeit für den einen oder anderen Plausch und den Austausch von Tipps für die nächsten Wettbewerbe. Nach dem obligatorischen »man sieht sich« und einem Klamottenwechsel geht es dann wieder Richtung Westen und ich nehme unterwegs wohlwollend zur Kenntnis, das die Bäume zumindest von den allerdämlichsten Hetzbotschaften befreit wurden. Das macht Hoffnung.

Die Hoffnung aber, nun einen entspannten und erholsamen Nachmittag vor sich zu haben, wird ganz schnell zerstreut, als ich wieder wohlbehalten im Kreis der Familie bin und zu meinem Leidwesen die Gardinenstangen erblickte, die schon viel zu lange nach Befestigung schreien …

 


Selbstverständlich kann und soll es hier im Blog nicht in der bisherigen Frequenz weitergehen und somit wird der nächste Beitrag wohl heißen:

Sevilla – Sommermarathon im Februar

(oder auch nicht 😉 )

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14 thoughts on “Der Lümmel

    1. rundreas

      Wenn der Dödel den Lümmel filmt und dennoch ein jugendfreier Film dabei rauskommt,
      dann darf ich natürlich nicht fehlen (19,3 km / bei 27 Sekunden in Orange)

      Vielen Dank für die Videos!

      Rundreas

  1. Hallo Rundreas,
    vielen Dank für den ausgefeilten Schreibstil und die wunderbaren Fotos. Wusste gar nicht dass die Strecke so ansprechend ist ;-))
    Ich würde gerne den Link auf unsere Webseite packen und bitte deshalb um Deine Zustimmung.
    Laufende Grüße,
    Hans
    Lümmellauf Orga-Team

    1. rundreas

      Hallo Hans,
      erstmal vielen Dank für den spitzenmäßig organisierten Lauf!
      Ich fühle mich geehrt, dass ihr den Text verlinken möchtet und habe natürlich nichts dagegen einzuwenden.
      Der Blog ist ja dazu gedacht, dass ihn andere interessierte Läufer lesen.

      Also, nur zu …

      Andreas

  2. Hübsch! Ich hatte meine Kamera dann doch im Auto gelassen, bereue es aber schon, wenn ich deine Fotos sehe. Südlich der Elbe ist dieser wunderbare Lauf praktisch unbekannt – aber das werde ich ändern!

    1. rundreas

      Hej Andreas, auch deinen Bericht fand ich super und amüsant geschrieben. Entdeckt habe ich ihn auf der Lümmellaufseite und werde nun häufiger mal vorbeischauen. Eventuell sieht man sich ja mal südlich der Elbe live und in Farbe.

        1. Sehr schön, laufe im Moorgürtel 3x die Woche, wohne ja da und kenne jeden Stein auf der Alten Land Strecke, oder auch in der Harburger Haake immer nett. Ach ja, meine Zeit war 01:49 dieses Jahr, war zu frieden.

          1. rundreas

            Die Strecke auf dem Deich war in der Tat sehr schön, wenn auch auf dem Hinweg etwas links- und auf dem Rückweg etwas rechtslastig. 😉
            Da warst du dann knapp 5 Minuten schneller als ich, Glückwunsch!

            Hier ist übrigens immer der aktuelle Stand, wo ich so unterwegs bin: http://funtorun.de/ausblick/

            Man sieht sich …

  3. Vielen Dank für die nette Laufbeschreibung und den tollen Bildern, den Lauf werde ich mir für 01-2016 notieren.
    Bis bald in Bramfeld

    Gruß Christian

    1. rundreas

      Unbedingt Christian, ich weiß, der Lauf wird dir gefallen.
      Ich hoffe ja für 2016 auf Schnee, dann ist die Strecke bestimmt noch reizvoller.
      Bis Sonntag in Bramfeld!

      Andreas

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