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Die Wildnis


 Expeditionen ins Tierreich


„Guten Abend meine lieben Freunde“ mit diesen Worten begrüßte Professor Grzimek vor einer gefühlten Ewigkeit die Zuschauer seiner abendlichen Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“. All jene von euch, die sich wie ich noch an diese Zeiten erinnern können, in denen das Deutsche Fernsehen aus nur drei Sendern bestand und das Programm kurz nach Mitternacht mit dem Testbild endete, die sollten sich beim Lesen des folgenden Berichtes vorstellen, Bernhard Grzimek würde ihn in seiner unnachahmlichen, nasalen Sprechart vortragen oder ein anderer große Tierfilmer namens Heinz Sielmann würde uns an seinen „Expeditionen ins Tierreich“ teilhaben lassen. Beide waren nicht nur Zoologen und Biologen, sondern auch Verhaltensforscher und somit wäre auch die äußerst seltsame Spezies des Homo Procurrens, umgangssprachlich auch „Läufer“ oder „Jogger“ genannt, ein dankbares Forschungsprojekt der Herren Sielmann und Grzimek gewesen. Da nun beide leider nicht mehr unter uns weilen, obliegt es mir, an diesem Sonntag die Forschungen zu diesem Thema ein wenig voranzutreiben.

Die Läuferszene hat eindeutig mehr mit dem Tierreich gemein, als man zunächst vermuten mag und damit ist nicht nur die frappierende Ähnlichkeit einer Herrenumkleide mit einem Pumakäfig in Sachen Geruch gemeint, nein auch darüber hinaus finden sich einige erstaunliche Parallelen. Als Umgebung für die heutigen Beobachtungen habe ich einen typischen Rückzugsraum dieser possierlichen Artgenossen gewählt, eine Waldgegend im Süden Hamburgs. Dem geneigten Leser dürfte eventuell bekannt sein, dass in den Augen eines durchschnittlichen Hamburgers, südlich der Elbe ein völlig unzivilisierter und menschenfeinlicher Lebensraum beginnt, in dem ausschließlich der Homo Procurrens überleben kann. Zwei besonders vielversprechende und sehr unterschiedliche Exemplare werden wir dabei auf ihrem Weg vom Großstadtdschungel in diese unwirtliche Wildnis begleiten.

Zum Einen wäre da die elegante Laufgazelle (Antilopa Athletica Sympathica), die sowohl in ihrem urbanen Umfeld als auch in den dichten Wäldern der Peripherie zu den schnellsten ihrer Gattung gehört, und zum Anderen ist da noch das etwas schwerfällige Flußpferd (Hippopotamus Misantropus), welches heute die ehrenvolle Aufgabe hat, die Laufgazelle auf ihrem Weg in die Wildnis zu begleiten. Eigentlich würde unser „Unhappy Hippo“ ja erstmal ausschlafen und seine hungrigen Mini-Hippos versorgen, um dann kurz vorm Start einzutrudeln und getreu seinem Credo „warm wird mir unterwegs“ umgehend loszuschleichen. Heute aber hat er Laufprominenz dabei und ist deshalb bereits eine gute Stunde vor dem Startschuss im Nirgendwo des Reviers Rosengarten angekommen. Während sich die anwesende Meute beim Eintreffen gleich um die Laufgazelle schart und eifrig buhlt und balzt, denkt sich Hippo: „Was mach’ ich jetzt bloß ’ne Stunde lang hier im Nichts?“


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Antilopa Athletica Sympathica


Aus schierer Verzweiflung beginnt Hippo ein wenig die matschigen Waldwege entlangzuschleichen, um seinen Puls zumindest ein wenig über das Schlafniveau zu heben. Super, 130bpm (die Beatzahl eines durchschnittlichen Scooter-Songs) sind geschafft und ganze zehn Minuten damit totgeschlagen. Nun ist es Hippo aber eindeutig zu kalt, also zurück in den Viehtransporter, etwas Social Media mit der restlichen Herde betreiben und weiter warten. Die Antilopa Athletica hat sich inzwischen ein paar flotte Rennpferde gesucht und läuft sich locker lächelnd gemeinsam mit ihnen in einem Tempo warm, welches unser Hippo kaum im Wettkampf schafft. Wieder eine Viertelstunde später gehts erneut vor die Tür, diesmal um kurz hinter einem Baum zu verschwinden, in dieser Wildnis gibt es nicht mal ein Toilettenhäuschen. „Barbaren!“ denkt sich das verhätschelte Großstadthippo, bevor es sich in seine orangefarbene Markenwurstpelle quetscht.

Zum Glück trudeln in dem Moment auch die heimisch gewordenen Arten ein, der aus den Alpen stammende sportliche Steinbock (Capra Ibex Felix Austria) und sein hünenhaft großer und unentwegt laufender Freund der Laufbär (Ursus Procurrus Constantus). Hippo kennt beide schon recht gut von ein paar anderen tierischen Wettläufen und so gibt es Einiges zu besprechen, bevor die Herde um Punkt 10 Uhr auf die Strecke getrieben wird. Vorne sprinten die Raubkatzen und die Rennpferde los, gefolgt von den grazilen Antilopen, Gazellen und Zebras bevor der Rest der bunten Meute schnaufend hinterhertrampelt – ein beeindruckendes Naturspektakel. So geht es hinein ins Dickicht und gleich die erste Linkskurve mündet in ein leichtes Gefälle, von dem die schlauen Lauftiere natürlich wissen, dass selbiges bei einer Pendelstrecke am Ende auch wieder erklommen werden muss, und sich deshalb ihre Kräfte gut einteilen. Hippo gehört aber leider nicht zu den intelligentesten Viechern und wird am Ende wieder wie so oft leiden.


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Hippopotamus Misantropus


Zunächst aber geht es munter weiter auf und ab auf der von da an pfeilgeraden Strecke. Hippo und Felix Austria traben gemeinsam in Richtung Autobahn und quatschen gerade über dieses und jenes, als sich ihnen ein jugendlicher Fuchs an die Fersen heftet, um sich von ihnen auf den nächsten Kilometern das Tempo vorgeben zu lassen. Bei Kilometer Vier tauchen die ersten Geparde auf der Gegenseite auf und kurz danach hüpft auch die Laufgazelle leichtfüßig vorbei und nickt Hippo wohlwollend zu. Während unser Flußpferd noch überlegt, ob es eventuell der streng vegane Speiseplan ist, der die Gazellenbeine so schnell macht, hat er auch schon den Wendepunkt erreicht. Der Rückweg ist in etwa so spannend wie der Hinweg, nur in umgekehrter Form, also überproportional öde, was wiederum bedeutet, er zieht sich un-fucking-fassbar in die Länge. Bei Kilometer Sieben hat Felix Austria die vollkommen absurde Idee zu beschleunigen, Hippo denkt sich, „Eine Woche vor meiner Safari ins Ausland mache ich mich hier in der Pampa nicht kaputt“ und lässt ihn samt Fuchs im Schlepptau davonziehen.

Bei Kilometer Neun ist dann der Hügel erreicht, den das erbsengroße Hirn des Flußpferdes bei seiner Krafteinteilung natürlich nicht bedacht hat, folglich arbeiten Pumpe und Lunge am Limit und eine kleine Gehpause wird fällig. Selbige währt zum Glück aber nur sehr kurz, da Hippo von einer hübschen Zebradame überholt wird, die ihn antreibt und motiviert weiter zu laufen. Also heftet er sich an ihre Fersen und schafft es tatsächlich in knapp unter 50 Minuten (49:50) ins Ziel. Schnell der freundlichen Dame für den Endspurt gedankt und dann ab an die Tränke, wo schon gezuckertes Teewasser auf die Läuferherde wartet. Dort trifft Hippo auch Felix Austria wieder, dem seine Attacke bei Kilometer Sieben ganze 10 Sekunden Vorsprung verschafft hat und den der schlaue Fuchs kurz vorm Ziel dann doch noch überholen konnte. Ursus Procurrus hingegen ist den Lauf gemütlich in seinem Tempo zuende gelaufen und hat vollkommen streßfrei ebenfalls die Stunde geknackt.


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Das Laufrevier Rosengarten


Antilopa Athletica ist zu diesem Zeitpunkt schon eine gute Viertelstunde im Ziel und hat den Wettbewerb der Damen mit einem „äußerst knappen“ Sechs-Minuten-Vorsprung in 36:03 gewonnen. Hippo zieht den Hut! Mit seiner eigenen Zielzeit ist er für den aktuellen Trainingsstand zu Beginn des Jahres aber auch durchaus zufrieden und trinkt zur Belohnung schmatzend seinen Getreidesaft, den er extra aus den heimischen Stallungen mitgebracht hat. Danach wird noch schnell die Farbe der Hippohaut gewechselt, bevor es mit dem Transporter wieder raus aus der Wildnis in Richtung des wärmenden Heimatgeheges geht. Diesmal ohne die Laufgazelle, denn die hat noch 20 Kilometer lockeres Auslaufen auf dem Plan und sich dafür ein paar stolze Geparde als Begleiter geangelt …

 


Für diesen Bericht sind weder Mensch noch Tier zu Schaden gekommen, lediglich ein paar Schweinehunde mussten leider geopfert werden.

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Beitragsbild © iStockphoto/andipantz
Hippo © iStockphoto/OktayOrtakcioglu
Gazelle © iStockphoto/IPGGutenbergUKLtd

14 thoughts on “Die Wildnis

  1. Sehr schön formuliert. Danke das du mich so freundlich beschrieben hast. So manches in dem Text deckt sich auch mit meiner Wahrnehmung, ich selbst nehme mich allerdings auch eher als Hippo bzw. als ganze Bierkutsche einschl. aller Pferde wahr, so wie sich verschiedene Läufer ängstlich umdrehen wenn bei denen aufgrund der Geräusche von hinten (Schnaufen und Getrampel) der Fluchtreflex einsetzt.

    1. rundreas

      Hey Ursus,
      hast du doch die Zeit gefunden, mal im Blog vorbeizuschauen? Sehr schön.
      Aber bei deinem derzeitigen Laufpensum darf man auch mal schnauben und trampeln.
      Hut ab vor der Disziplin für den Hamburg Marathon.

      Man sieht sich … Andreas

  2. M. Le Palmier,

    da wird Herr Achilles ja neidisch. So schön geschrieben. Ich frage mich jetztz bloß, wer das Hippo ist, wo doch Running Hippo, der verdiente 1-2-Götz, eher in der östlichen Peripherie Berlins sein Unwesen treibt 😉

    1. rundreas

      Mensch Ulf,
      da draußen gibt es doch ganz viele Hippos wie Götz und mich, wobei ich Götz ja eigentlich als viel zu schnell für ein Hippopotamus empfinde. Der geht eher Rennpferd durch … 😀

      Grüße in die alte Heimat! Andreas

  3. Hallo Andreas,

    köstlich geschrieben, mach einfach weiter so und in zwei Wochen wieder die gleiche Strecke diesmal noch ein paar km mehr, zum Glück auch wieder als Wendepunktstrecke, denn wo man rauf muss geht es ja auch irgendwann wieder runter oder war es umgekehrt?
    Man(n) sieht sich.

    Gruß aus dem Outback

    1. rundreas

      Bist du es Felix Austria?
      Falls ja, dann auf jeden Fall bis in zwei Wochen. Da laufen wir dann ein paar Kilometer zusammen, bis du wieder auf die Idee kommst Gas zu geben … 😉 Grüße in den unzivilisierten Süden auch an den Ursus! 😀 Andreas

  4. Ich kann mich den Vor-Kommentatoren nur anschließen: köstlich geschrieben! Vielen Dank dafür!
    Und weil es des Deutschen Menthalität ist, möchte ich dem Ruf gerecht werden und kurz noch klugscheißen: Grzimek hat immer „Guten Abend liebe TIERfreunde“ gesagt! Scheiße, wir sind alt…

    1. rundreas

      Mensch Eddy,
      daran siehst du mal, wie groß meine Gedächtnislücken schon werden, weil ich immer an irgendwelche Steigungen oder Trainingspläne denken muss. Ist es das Alter oder das durchs Laufen blutleere Hirn? Man weiß es nicht … 😀

      Grüße in die kleine Hansestadt! Andreas

  5. Hast du mir nicht gestern noch vorgejammert, dass du es textlich noch nicht so drauf hättest (sinngemäß)?

    LÜGNER! 😀

    Grandios geschrieben. Danke für die Belustigung in der Mittagspause!

    1. rundreas

      Hach eine Belustigung bin ich doch immer wieder gerne, bei Volksläufen wie in Mittagspausen! 😀
      Textideen habe ich in der Tat recht viele, aber der Akt des Schreibens geht mir noch etwas holprig und schwerfällig von der Hand. Ich hoffe das es nur eine Frage der Übung ist, bis es ein wenig flüssiger wird. Aber danke, dass es dir bis hierher schonmal gefällt.

      Grüße aus dem Großstadtdschungel! Andreas

  6. Herrlich geschrieben! Hoffentlich lernen wir uns mal bei einem dieser Läufe in der nordost-niedersächsischen Serengeti mal persönlich kennen. Bis dahin überlege ich, was für ein Tierchen ich eigentlich darstelle. Zum Windhund reichts nicht, für einen Dackel bin ich doch ein bisschen zu groß geraten – wahrscheinlich würde Riesenschnauzer ganz gut passen.

    1. rundreas

      Eventuell haben wir ja gleich am übernächsten Sonntag die Chance uns zu treffen, wenn die Herde zum zweiten Mal über die lange Gerade getrieben wird. Falls nicht dort, dann ergibt sich bestimmt im Verlauf des Jahres mal die Gelegenheit dass Hippo zu treffen, langsam genug ist es ja … 😉

      Grüße in die Wildnis hinter den schwarzen Bergen!

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